Paulo Freire 100 Jahre: 19.9.1920 - 2.5.1997 und die Pädagogik der Unterdrückten

Wer sind denn die Unterdrückten?

fragten manche Schüler und Studenten, denen das Wort von den Unterdrückten fremd war.

Es war ein Kampagnen-Wort, eine Kampfansage an die Etablierten, die Reichen, die "1. Klasse", wie sie in den 1970er Jahren üblich wurde:

Es gab eine "Basisbibel", die den sozialkritischen Unterton des Markus-Evangelium hervorhob, es gab dann die Befreiungstheologie, deren Propagandisten in Südamerika gefährlich lebten und ermordet wurden, wie Oscar Romero.

Noch "Papst Benedikt" hatte als Kardinal Ratzinger in der Glaubensbehörde, in der Nachfolge der Inquisition die Schüsse auf die Nonnen, Priester und Bischöfe der jungen gemeinden in Südamerika nicht verurteilt, bei wirklichen Feinden der Religion hätte es Exkommunikation und Kirchenbann für diese führenden Militärs gegeben, mit denen sich "Opus Dei", das rechte Netzwerk der Rechts-Gläubigen, arrangierte.

Meine Abrechnung im Ketzerbrevier
Das "Ketzerbrevier eines Altöttinger Ministranten" war unter dem Titel:
Denn sie wissen nicht, was Liebe ist ...
in der Zeit der letzten Phase der Befreienden Pädagogik entstanden.

Die Paulo-Freire-Gesellschaft war an einem Punkt angekommen, an dem die Arbeit in den einzelnen Arbeitsbereichen und der Austausch dazu in der Vereinzelung ermüdete, zum Teil in Hochschul-Etablierung und wissenschaftlichem Jargon, zum anderen Teil in den komplexen internationalen Bezügen.
 
Die Geschäftsstelle des Vereins ist in die Berliner Szene umgezogen:

Hoffnungsvolle Ansätze wie der brasilianische Bürgerhaushalt von Porto Alegre, als Bewegung in etlichen Ländern diskutiert, aber oft nicht als Forum zum Austausch begriffen

und die Bewegung der Internationalen Sozialforen existieren auch noch wurden aber hierzulande von einigen Verbänden in ihre eigene Arbeit integriert, statt tatsächlich offenes Forum der breiten Bewegungen und Kämpfe zu sein.

Da bin ich schon bei den Wirkungen, wollte aber zuerst noch zu den Verweigerungen, die wir erlebten, wenn wir die Etablierten hierzulande konfrontierten:

Mit dem Theater der Unterdrückten von Augusto Boal ging es relativ schnell von der Jugendarbeit in Evangelische und Katholische Akademien, in Jugendarbeits- und Lehrerfortbildungen, in Gewerkschaftskreise, doch an den Hochschulen und in der Pädagogik war eine gläserne Wand:

Als Lehrbeauftragter durfte ich gerne die Methodik des Forumtheater vermitteln, aber in der Pädagogik der Hochschulen blieben die Südamerikaner unbekannte Fremdlinge, die pädagogische Literatur kannte nur deutsche Geistesgrößen, und die katholische Maria Montessori.

Der Antikommunismus konnte noch sehr gut unterscheiden, wer Freund und wer Feind war, wer sich mit Kommunisten einließ und damit gefährlich wurde.

Ein katholischer Linker, wie Paulo Freire konnte nicht verstanden werden, wenn er von den Armen sprach, denn er war ja kein Pfarrer, dem man so was nachsehen konnte. Die Befreiungstheologie wurde ohne nennenswerte päpstliche Bemerkung durch "katholische" Militaristen niedergeschossen ...

Eine Veranstaltungsreihe des Nordsüdforum im Einewelthaus München ist in Vorbereitung, Mitwirkung, auch in der Rolle der Fragenden, ist gern gesehen ...

Erste Gedanken:

Ideen für konkrete Themen und Formate:

  • Einführungsveranstaltung zu Beginn des Jahres
    -> grundlegende Infos zu Person, Pädagogik und Rezeption Paulo Freires

  • Was passiert aktuell gerade in Brasilien zu Freire und  der Pädagogik der Unterdrückten?

  • Was ist kritische Theorie aus lateinamerikanischer Sicht?

  • Befreiungstheologie – was ist damals passiert? 

  • Lesekreis Paulo Freire, evtl. digital (Raphael) 

  • „Höhepunkt“ eines Themenjahres könnte sein: Erfahrungen und Gelerntes durch die TN zusammenbringen

  • Eigene Lern-Biographie reflektieren / Lernautonomie (Fritz) 

  • Mythen und Sprüche, die uns geprägt haben, reflektieren und in Frage stellen (Fritz) 

  • Praxis-3-Projekt im dritten Studienabschnitt, Soziale Arbeit, Zielgruppe Studierende (Manu)
    -> Möglichkeit zu einer Kooperation

  • Rundgespräch & Austausch zu der Frage „Wie hat Freire unsere Arbeit beeinflusst?“ (Heinz)

  • Gegen die Bequemisierung der Pädagogik und der Arbeit der NGO’s
    -> Globales Lernen und Paulo Freire
    -> „Wie radikal verstehen wir Veränderungspädagogik?“
    -> „Was können wir von Freire lernen für Veränderungspädagogik?“

  • „Wo sind wir Unterdrücker – wo sind wir selbst gefangen und Unterdrückte?“

„Wir sind gleichzeitig Opfer von einem System, von dem wir massiv profitieren!“

  • Kommunalpolitische Themen und Ebene mit Forumtheater ansprechen
    -> Theater Grenzenlos hat Freire rezipiert

  • Feststellung: Unsere Angebote der Bildungsarbeit (ebenso wie die vieler anderer außerschulischer Akteure) für Schulen werden hauptsächlich von Realschulen und Gymnasien angenommen. -> Wie erreichen wir die nicht privilegierten? Wo bleibt da Freires Option für die Unterdrückten?  Eigene Zielgruppen reflektieren…

  • Praxis-Seminar „Aktivierende Befragung“ (Fritz)

  • Online-Seminar mit Leuten aus Lateinamerika rund um Freires Geburtstag



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